Gesundheit

Gesundheitliche Vorsorge

April 25, 2018
Dr. Dominika Wittek

Die deutschen Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U9 und die amerikanischen „Check Ups“ im Vergleich


Inwiefern unterscheiden sich die amerikanischen „Well-Child Care Visits“ von den deutschen Früherkennungsuntersuchungen U1 bis U9? In ihrem Gastbeitrag stellt die in New York praktizierende deutsche Kinderärztin Dr. Dominika Wittek die einzelnen Untersuchungen vor und erläutert die Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Wie in Deutschland wird auch in den USA die Vorbeugung von Krankheiten sehr ernst genommen. Vorsorgeuntersuchungen sind dabei ein wichtiger Beitrag zur Gesundheit der Kinder. Generell wird in beiden Ländern großer Wert auf die physische und geistige Entwicklung gelegt und viel „anticipatory guidance“ gegeben – also Tipps für einen gesunden Lebensstil und Prävention von häufig auftretenden Problemen.

Anders als in Deutschland gibt es in den USA jedoch kein Untersuchungsheft („Gelbes Heft“), in dem die Befunde und Diagnosen dokumentiert werden. Stattdessen bekommen alle Kinder im Geburtskrankenhaus eine kleine Impfbroschüre, in der die Schutzimpfungen sowie die wichtigsten Daten wie Größe, Gewicht und Kopfumpfang festgehalten werden.

Ein weiterer Unterschied: In den USA können junge Leute solange den Kinderarzt besuchen, wie sie über die Eltern krankenversichert sind.

In unserer Praxis Tribeca Pediatrics ist es übrigens üblich, den Jugendlichen ab zwölf Jahren die Option zu geben, ohne Eltern beziehungsweise Erziehungsberechtigte befragt und untersucht zu werden. Dabei wird ein vertraulicher Fragebogen ausgehändigt, um mögliche soziale und diskrete Probleme frühzeitig zu erkennen.

Und noch ein weiterer Hinweis: Anders als in Deutschland ist es in den USA durchaus üblich, nach einem Kinderarzt zu „shoppen“, sich also bei mehreren Praxen vorzustellen, die Ärzte kennenzulernen und dann zu entscheiden, wo man sein Kind anmelden möchte. Bei unserer Praxis gibt es deshalb unverbindliche wöchentliche „meet and greet“-Termine, bei denen ein Arzt oder eine Ärztin die Praxis und sich selbst vorstellt.

Doch wie unterscheiden sich die amerikanischen Vorsorgeuntersuchungen von den deutschen konkret? Wir geben einen detaillierten Überblick:

U1 – sofort nach der Geburt

Diese Untersuchung findet so auch in den USA statt. Die erste Untersuchung wird auf der Neugeborenenstation durchgeführt. Entweder geschieht dies durch den Krankenhausarzt oder der Kinderarzt aus einer Privatpraxis macht einen Besuch im Krankenhaus, um das Neugeborene zu untersuchen. Falls das gewünscht ist, müssen die Eltern den Besuch arrangieren. Wichtig: Der niedergelassene Kinderarzt muss mit dem Krankenhaus „affliated“, also vom Krankenhaus anerkannt sein. Vor der Entlassung nach Hause wird das Baby nochmals untersucht.

U2 – 3. bis 10. Lebenstag

Auch in den USA steht in dieser Zeit der erste Besuch beim Kinderarzt an. Während Eltern in Deutschland Hebammenbesuche erhalten, die dazu dienen, beim Stillen zu helfen, den Heilungsprozess der Mutter sicherzustellen und das Gedeihen des Babys zu überprüfen, sind die Eltern in den USA deutlich stärker auf sich gestellt. Tipps zum Stillen erhältst du beim Kinderarzt oder von einer Stillberaterin („lactation consultant“).

U3 – 4. bis 5. Lebenswoche

In den USA gibt es den sogenannten „1 month check up“, welcher mit der U3 vergleichbar ist. In Deutschland wird allerdings routinemäßig ein Hüftsonogram durchgeführt, um eine Hüftdysplasie auszuschließen. In den USA wird ein Ultraschall nur bei vorhandenen Risikofaktoren (etwa bei einem Familienmitglied mit Hüftdysplasie oder Steißlage während der Schwangerschaft) gemacht. Ansonsten wird das Baby bei jeder Untersuchung mit speziellen Handgriffen auf Hüftprobleme hin untersucht.

U4 – 3. bis 4. Lebensmonat

In den USA wird das Baby monatlich bis zum 4. Lebensmonat untersucht, um ein gutes Gedeihen und eine altersgemäße Entwicklung sicherzustellen.

U5 – 6. Lebensmonat

Auch in den USA gibt es eine Routineuntersuchung im 6. Lebensmonat. In Amerika wie in Deutschland wird dabei üblicherweise die Einführung von Babynahrung diskutiert.

U6 – 10. bis 12. Lebensmonat

In den USA gibt es eine Vorsorgeuntersuchung mit 9 Monaten und eine mit 12 Monaten.

In dieser Altersgruppe ist eine Fehlernährung relativ häufig und kann zu Eisenmangel führen. Deswegen wird bei der 1-Jahres-Untersuchung auch etwas Blut abgenommen, um gezielt nach Eisenmangel und dadurch verursachter Blutarmut zu schauen („anemia screening“). Bei dieser Gelegenheit wird das Blut auch auf eine Kontamination mit Blei untersucht („lead screening“). In den USA wurden bleihaltige Wand- und Möbelfarben in den 70er Jahren aus Wohnräumen gebannt. Vor allem in älteren Gebäuden kommt es jedoch vor, dass sich alte Farben unter den neueren Schichten befinden. Wenn diese absplittern und in den Hausstaub geraten, können Kinder im Krabbelalter durch eine Ingestion eine Bleivergiftung bekommen. Bei dem Test in unserer Praxis wird übrigens ein Tröpfchen Blut aus der Fingerspitze entnommen und innerhalb von Minuten haben wir die Ergebnisse.

U7 – 21 bis 24 Lebensmonate

In den USA werden die Kleinkinder mit 15, 18 und 24 Monaten untersucht. Dabei wird ein Autismus-Screening durchgeführt und zum 2. Lebensjahr das „lead and anemia screening“ wiederholt.

U7a – 3 Jahre

In den USA gibt es Untersuchungen mit 2,5 Jahren und zum 3. Geburtstag.

U8 – 4 Jahre

Wie in Deutschland findet auch in Amerika eine Untersuchung mit 4 Jahren statt.

U9 – 5 Jahre (Einschulungsuntersuchung)

Ein genereller Unterschied zwischen den Untersuchungen in Deutschland und in den USA ist, dass die Kinderärzte in Deutschland mehr Entwicklungstest (wie den Denver-Entwicklungstest) bei der Vorsorgeuntersuchung durchführen. In den USA wird die Entwicklung eher durch Beobachtung bei der Untersuchung und der Befragung der Eltern erfasst. Zudem sind die Termine kürzer, dafür häufiger.

Weitere Untersuchungen

In Deutschland sind weitere Vorsorgeuntersuchung bis zur Pubertät nicht vorgesehen. Die sogenannte J1-Untersuchung wird für 12- bis 14-Jährige empfohlen. In den USA erwarten die Schulen (öffentliche sowie private) eine jährliche Untersuchung ab dem Schulalter. Darüber hinaus müssen alle empfohlenen Impfungen zu diesem Zeitpunkt vorliegen oder nachgeholt werden, es sei denn, es liegt eine „religious or philosophical exemption“ vor und Impfungen werden generell abgelehnt.

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