Leben in den USA

Lebenslinien

June 17, 2018
Juliane Tranacher

Lebenslinien: Beatrice Beckmann aus New York


Was bringt Deutsche, Österreicher und Schweizer nach Amerika? Welche wertvollen Erfahrungen haben sie in den USA gemacht und wie hat sie die Zeit im Ausland geprägt? In unserer Interview-Reihe stellen wir deutschsprachige Expats und Auswanderer vor und befragen sie zu ihrem Leben in Amerika, zu ihren Wünschen, Träumen und Sorgen.

In diesem Interview reden wir mit Beatrice Beckmann, Gründerin von KinderBooks. Die gebürtige Londonerin ist Mutter von zwei Söhnen und ihre großen Leidenschaften sind Bücher, Kochen und Sprachen. Vor fünf Jahren ist Beatrice von München nach Amerika gezogen, genauer: nach Harlem, New York. Im Interview spricht sie über ihren Alltag mit zwei kleinen Kindern und die Vorteile der Selbstständigkeit in den USA.

Was hat dich in die USA geführt?

Ich habe mich in einen New Yorker verliebt. Wir haben nach einem halben Jahr zusammen in München drei Jahre lang eine Fernbeziehung geführt. Das ist auf Dauer eine ganz schöne Achterbahn der Gefühle, selbst telefonieren ist bei der Distanz wegen der Zeitumstellung manchmal schwierig. Sich regelmäßig sehen, ist auch nicht immer leicht. Wir mussten uns also irgendwann entscheiden: ganz oder gar nicht. Und haben uns für ganz in New York entschieden.

Was liebst du besonders an deiner neuen Heimat?

Die Vielfalt in New York. Hier gibt es alles – außer Ruhe vielleicht.

Was vermisst du besonders?

Meine Freunde.

Wie unterscheidet sich dein Alltag von deinem Alltag in Deutschland?

Mein Leben ist hier komplett anders, vor allem der Kinder wegen. Früher lebte ich allein. Wenn ich morgens aufstand, habe ich einmal kurz geduscht, mich fertig gemacht, in der U-Bahn Zeitung gelesen und dann im Büro meine erste Tasse Tee getrunken. Dann fing der Tag erst so richtig an.

Wenn ich jetzt aufstehe, muss ich erst mal Mittagessen zum Mitnehmen für meinen Dreijährigen machen, Frühstück für alle vorbereiten, mein Baby stillen, alle – inklusive mich selbst – anziehen und dann in die Kita hetzen. Um 9 Uhr habe ich dann das erste Mal Zeit, tief Luft zu holen. Es ist viel chaotischer und und hektischer und gleichzeitig die totale Entschleunigung. Ich denke, jeder, der Kinder hat, kennt das!

Wie unterscheidet sich dein Arbeitsleben hier von demjenigen in deiner alten Heimat?

In Deutschland war ich lange im Verlagswesen tätig – erst als Pressereferentin, dann als literarische Agentin. Das ist ein toller Beruf, weil man viel liest und viel Kontakt mit spannenden Autoren hat. Aber es ist auch recht zeitintensiv. Tagsüber ist es ein Bürojob, am Wochenende liest man dann die Manuskripte und abends gibt es ab und an auch Veranstaltungen mit Autoren. Ich bin gleich, nachdem ich in New York angekommen bin, schwanger geworden und wollte Zeit haben, mich um mein Baby zu kümmern. Elternzeit ist hier ja eher schwierig und ich war nicht sicher, ob ich durch den Wechsel schnell eine Stelle mit flexiblen Arbeitszeiten finden würde. Daher habe ich mich selbstständig gemacht. Ich war erst als Gutachterin für Verlage tätig. Vor etwa eineinhalb Jahren habe ich dann KinderBooks gegründet, einen Verleih für deutsche Kinderbücher.

Wie genau kann man sich das vorstellen?

Es ist eine Versandleihbücherei – ein bisschen wie Netflix in den Anfängen, nur für Kinderbücher. Ich fand es schwierig und auch teuer hier in New York an gute Bücher zu kommen, und hatte gelesen, dass Bücher wichtig sind, wenn man sein Kind zweisprachig aufwachsen lassen möchte. Deshalb kam mir die Idee, eine Versandt-Bibliothek aufzubauen, deren Bücher überall in den USA zugänglich sind. Gegen eine Abogebühr bekommt man monatlich Bücher zugeschickt. Die Bücher sind abgestimmt auf das Alter, die Interessen und auch das Sprachniveau des Kindes. Im Umschlag findet sich gleich der Rücksendeumschlag samt Rückporto. Wenn man die Bücher ausgelesen hat, wirft man sie einfach in den nächsten Briefkasten und bekommt wieder neue zugesendet.

Hast Du das Gefühl, dass es leichter ist, sich in den USA selbständig zu machen?

Absolut! Als Freelancerin ist es auch in Deutschland leicht (oder schwer, je nach Auftragslage), aber etwas zu gründen, ist in den USA definitiv einfacher. Das liegt zum einen an der unterschiedlichen Mentalität: Während es in Deutschland viele Bedenkenträger gibt, lautet die Devise hier viel eher: „Einfach machen!“ Zum anderen gibt es hier deutlich weniger Reglementierungen. In Deutschland kann einem das manchmal ganz schöne Steine in den Weg legen.

Könntest du dir vorstellen, je wieder im Angestelltenverhältnis zu arbeiten?

Klar. Es hat alles seine Vor-und Nachteile. Als Selbstständige fehlt mir etwa der Austausch im Team. Zudem bietet das Angestelltenverhältnis natürlich etwas mehr Sicherheit. Insofern kann ich mir schon vorstellen, dass ich irgendwann lieber wieder als Angestellte arbeiten möchte. Aber im Augenblick macht es mir großen Spaß KinderBooks aufzubauen, die Bücher einzukaufen und zu schauen, was Leute suchen. KinderBooks gibt es ja noch nicht so lange und ich habe noch viele Ideen.

Liebe Beatrice, vielen Dank für das Gespräch!

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