Leben in den USA

Lebenslinien

June 4, 2018
Juliane Tranacher

Lebenslinien: Britta Nielsen aus Boston


Was bringt Deutsche, Österreicher und Schweizer nach Amerika? Welche wertvollen Erfahrungen haben sie in den USA gemacht und wie hat sie die Zeit im Ausland geprägt? In unserer Interview-Reihe stellen wir deutschsprachige Expats und Auswanderer vor und befragen sie zu ihrem Leben in Amerika, zu ihren Wünschen, Träumen und Sorgen.

Heute stellen wir dir Britta Nielsen vor. Geboren und aufgewachsen ist Britta in Nordfriesland, direkt an der dänischen Grenze. Im Jahr 1995 ist sie dann von Hamburg aus mit ihrem Mann nach Berkley, Kalifornien, gezogen. Zwei Jahre später ging es nach Brooklyn, New York, wo das Paar für 15 Jahre geblieben ist und auch die beiden Kinder Maiya und Quinn zur Welt kamen. Inzwischen lebt Britta mit ihrer Familie in Massachusetts, im Süden von Boston. Im Gespräch mit HEIMAT abroad berichtet die selbstständige Biographikerin darüber, wie sie das Leben in Amerika verändert hat und was sie an der alten Heimat vermisst.

Liebe Britta, was hat dich in die USA geführt?

Mein Mann und ich konnten uns damals nicht auf einen gemeinsamen Wohnort in Deutschland einigen. Nach dem Studium hatte er einen guten Job in Frankfurt und ich wollte meine Arbeit in Human Resources in Hamburg nicht aufgeben. So kamen wir auf die Idee, gemeinsam ins Ausland zu gehen. Wir hatten zwei Angebote: eines in Zürich und das andere in Berkeley. Mein Mann hatte beste Erinnerungen an eine Fußballfreizeit in San Francisco während der Schulzeit. Ich kannte die USA nur aus Erzählungen von Freunden, die immer ganz begeistert von ihren Urlauben erzählten. Das schien mir ein gut kalkulierbares Risiko zu sein: höchstwahrscheinlich würde es mir auch gefallen!

Was liebst du besonders an Amerika?

Die Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit der Amerikaner! Fast jeder Mensch, den man trifft, hat ein paar freundliche Worte parat. Das ist ansteckend und gibt dem täglichen Leben hier eine gewisse Leichtigkeit. Da kann ich eigentlich gar keine schlechte Laune haben, wenn ich vor die Tür gehe. Zudem mag ich den Einsatz für die Gemeinschaft sehr. Es wird den Kindern von Anfang an beigebracht, anderen zu helfen und zu teilen, das finde ich großartig.

Und was vermisst du besonders an Deutschland?

Die Saunakultur. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, dass es hier üblich ist, mit Badeanzug in der Sauna zu sitzen und sich dabei lautstark zu unterhalten, um nach zwei Minuten festzustellen, dass es doch zu heiß ist. Außerdem irritiert mich das frühe Ende der Partys hier noch immer. Wer bis nach Mitternacht bleibt, hat zu viel Sitzfleisch. Wenn Freunde in Deutschland bis in die Morgenstunden tanzen, würde ich mich am liebsten immer schnell mal rüberbeamen, um mitzumachen!

Vor dem Auslandsumzug warst du festangestellt. Warum hast du dich schließlich für die Selbstständigkeit entschieden?

Der Gedanke an eine Selbstständigkeit hat sich hier erst langsam entwickelt, hauptsächlich wegen der ständigen Veränderungen in unserem Leben, die viel Anpassungsfähigkeit von mir erforderten. Immer wieder galt es, einen Umzug zu organisieren oder ein Haus zu renovieren. Die Kinder brauchten Hilfe, sich in eine neue Umgebung einzugewöhnen, und mein Mann war oft auf Reisen. An eine geregelte Arbeitszeit war da nicht zu denken. Mein Beruf als Biographikerin erlaubt mir maximale Flexibilität, sodass Arbeit und Familienalltag ideal unter einen Hut gebracht werden können.

Hast du das Gefühl, dass es in Amerika leichter ist, sich selbstständig zu machen, beziehungsweise selbstständig zu sein?

Ich kann nicht wirklich beurteilen, ob die Selbstständigkeit hier leichter umzusetzen ist. Auf jeden Fall sind hier viele Menschen sehr risikobereit, was Investitionen in Ausbildung und Existenzgründung betrifft. Flexibilität, Selbständigkeit und Freiberuflichkeit im Arbeitsleben werden ja mittlerweile überall erwartet, hier wie auch in Europa und anderswo. In den USA beschränkt sich das allerdings nicht nur auf junge Menschen. Neuanfänge und Neuorientierungen werden hier in der Regel in jedem Alter positiv gesehen und viele Stellen bieten Unterstützung und Beratung an. Eine Freundin hat sich nach ihrem Theologiestudium gerade als Priesterin ordinieren lassen – mit 69 Jahren. In Deutschland würde man da vielleicht verwundert den Kopf schütteln, hier wurde ihr Schritt mit allgemeinem Applaus und Begeisterung aufgenommen.

Hast du dich durch deinen Umzug nach Amerika verändert?

Ja, ganz sicher! Ein Herauslösen aus dem gewohnten Umkreis bringt immer persönliche Veränderungen mit sich, aber ein Leben im Ausland wartet nochmal mit völlig anderen Herausforderungen auf. Ich habe viel Neues gelernt, meine Werte haben sich verändert und ich habe mich viel eher getraut, meinen eigenen Weg zu gehen, ohne ständig auf die Reaktionen und Meinungen von anderen zu achten. Auf den ersten Blick scheint ja in diesem Land vieles ähnlich zu sein wie in Europa, aber sobald man sich eingelebt hat, werden einem die Unterschiede sehr schnell deutlich. Ich möchte die Erfahrungen, ein Dreieck unter Quadraten zu sein, nicht zu verstehen, was um mich herum passiert, und die sprachlichen Nuancen nicht deuten zu können, nicht missen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich im gleichen Maß Toleranz, Empathie und Verständnis entwickelt hätte, wenn ich in Deutschland geblieben wäre.

Hast du etwas Spezielles durch das Auswandern und das Leben in Amerika über dich gelernt?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe verstanden, wie sehr wir alle doch formbar sind, und dass das Lernen ein lebenslanger Prozess ist. Nicht nur, was das eigene Wissen betrifft, sondern auch mit Blick auf das eigene Verhalten, Einstellungen, Fertigkeiten und Interessen. Ich bin sehr dankbar für die Offenheit und Neugier, die ich hier gelernt und mir erhalten habe.

Was war dein erster Eindruck von Amerika?

An meinem ersten Tag in Kalifornien habe ich mich völlig ahnungslos auf einen langen Spaziergang durch Berkeley gemacht und bin dabei in eine Gegend geraten, um die ich lieber einen großen Bogen hätte machen sollen… Und dann war alles so fürchterlich groß! Ob es die endlos langen Regale mit einer unvorstellbaren Auswahl an Cornflakes im Supermarkt waren, die Größe der Autos und Lastfahrzeuge oder die Größe der Kühlschränke. Selbst die Milchflaschen kamen mir damals riesig vor. Inzwischen habe ich mich an die anderen Maße natürlich gewöhnt. Jetzt kommen mir die Kühlschränke in Deutschland wie Minibars vor...

Wann hattest du das Gefühl, die Amerikaner so richtig verstanden zu haben?

Ich glaube nicht, dass ich bisher gelernt habe, die Psyche der Amerikaner richtig zu verstehen, und das werde ich wohl auch nie… Dazu ist das Land viel zu weitläufig und die Menschen sind regional viel zu verschieden. Insbesondere in der aktuellen gespaltenen politischen Situation ist es unmöglich, die Amerikaner – zu denen ich selbst ja inzwischen auch zähle – auf einen Nenner zu bringen. Ich denke schon, dass ich heute vieles besser als in den ersten Jahren hier verstehe, aber manches andere wird mir für immer ein Rätsel bleiben!

Wann hattest du das Gefühl, so richtig angekommen zu sein?

Als wir unser Haus in Brooklyn gekauft haben. Damit hörte dann endlich das ewige Überlegen auf, wo wir denn nun hingehören und ob wir bleiben oder doch wieder zurückgehen.

Was hättest du gerne gewusst, bevor du nach Amerika gezogen bist?

Dass Toaster und Föhne aus Deutschland hier nicht funktionieren!* Und dass man beim Autokauf handeln muss. Den ersten Autohändler haben wir damals sehr glücklich gemacht (lacht).

Wie wichtig sind dir deutsche Traditionen und welche behältst du in der neuen Heimat bei?

Als meine Tochter noch klein war, habe ich das Laternenlaufen und den Martinstag sehr vermisst. Wir hatten einen guten Reiter im Freundeskreis, der zufällig eine Ritterrüstung und ein Schwert im Schrank hatte. Das Pferd haben wir bei einem Reitstall am Prospect Park gemietet. Ein weiterer Freund erklärte sich bereit, sich auch bei niedrigen Temperaturen im November barfuß im Gebüsch zu verstecken, bis St. Martin auf seinem Ross daher geritten kam. So wurde das Laternenlaufen in Brooklyn geboren, das es bis heute gibt. Offenbar waren wir nicht die einzigen, denen diese Tradition gefehlt hat.

Welche drei Dinge lässt du dir von deinem Besuch aus Deutschland mitbringen?

Salatkrönung, Haribo Colorado, und Tee.

Welche Jahreszeit magst du am liebsten und warum?

Ich mag jede Jahreszeit hier an der Nordostküste. Ich liebe es, dass die Jahreszeiten hier so intensiv sind. Geht eine zu Ende, freue ich immer schon auf die nächste: das zarte Grün im Frühling und die ersten Blumen, die warmen Sommertage, der bunte Herbst und der lange Winter, wenn wir Skifahren und Langlaufen gehen. Ich kann mich da wirklich nicht für eine Lieblingsjahreszeit entscheiden.

Welchen Feiertag magst du am liebsten und warum?

Definitiv Weihnachten mit unseren gemischten amerikanischen und deutschen Traditionen. Als unsere Kinder langsam anfingen, Fragen zu stellen, haben sie sich irgendwann gewundert, warum sie ihre Geschenke immer schon am 24. Dezember auspacken dürfen, während ihre christlichen amerikanischen Freunde bis zum nächsten Morgen warten müssen. Wir überlegten hin und her, bis uns eine logische Erklärung einfiel: Am Heiligabend packen wir Geschenke von der Familie und von Freunden aus, und über Nacht, wenn der Weihnachtsmann alle Päckchen in Deutschland verteilt hat, kommt er rübergeflogen und lässt für jedes Kind ein Geschenk unter dem Weihnachtsbaum liegen, deutlich an der Glocke zu erkennen, von wem es ist. Das machen wir bis heute noch so, obwohl die Sache mit dem Weihnachtsmann auch bei unserem Jüngsten schon vor einigen Jahren aufgeflogen ist.

Liebe Britta, vielen Dank für das Gespräch!

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