Leben in den USA

Lebenslinien

January 29, 2021
Bettina Solfrian

Lebenslinien: Monika Long und die große Liebe zur deutschen Sprache

Die Frankfurterin zog vor fast drei Jahrzehnten in die USA. Um in ihrem amerikanischen Umfeld die deutsche Sprache nicht zu verlieren, arbeitet sie nebenher als Deutschlehrerin. Und entdeckte eine ganz neue Leidenschaft.

1. Was hat Dich 1992 in die USA geführt und warum gerade nach Virginia?

Der Arbeitsvertrag meines damaligen Freundes lief aus und er musste wieder in die USA zurückkehren. Da die beiden Länder nicht gerade um die Ecke sind, mussten wir eine Entscheidung treffen: Schluß machen oder heiraten. Wir entschieden uns für das 'Happy End'.

2. Wie schwierig war es damals für Dich, Arbeit in der neuen Heimat zu finden?

Ich kam ja direkt nach dem Studium hierher und wurde dann erst einmal schwanger. Nachdem ich fast vier Jahre mit meinem Sohn zu Hause war, spürte ich den Drang, wieder ins Berufsleben zurückkehren, unter Leute zu kommen und meine Englischkenntnisse zu verbessern. Ich hatte Englisch in der Schule gelernt und während meiner Aufenthalte in England und auf Reisen vertieft. Doch ich wollte sie erweitern und verbessern. Schließlich war das hier mein neues Zuhause. Durch Zufall entdeckte ich eine Stelle in einer internationalen Firma, die Dolmetschen, Übersetzungen und Unterricht in jeder Sprache anbot. Damit hatte ich die Möglichkeit, meine Fremdsprachenkenntnisse zu nutzen.

3. Seit wann arbeitest Du in deinem aktuellen Job beim American Geosciences Institute und was genau machst Du da?

Seit Juni 2020 sind es schon 15 Jahre - wie die Zeit vergeht! American Geosciences Institute (AGI) bietet Geowissenschaftlern Informationsdienste an, treibt die geowissenschaftliche Ausbildung voran und versucht die Öffentlichkeit auf die Umwelt aufmerksam zu machen. Eines unserer vielen Projekte ist beispielsweise die ‚Earth Science Week’ für Schulen. Wir entwickeln für die Lehrer jedes Jahr ein neues Informationspaket, das diese dann im Unterricht nutzen können. Ich selbst arbeite für die GeoRef-Datenbank und bin dort unter anderem Ansprech- und Verhandlungspartnerin für Lizenzgebühren sowie Kreditoren- und Debitorenbuchhaltung.

4. Wie unterscheidet sich das Arbeitsleben von dem in der alten Heimat?

Das Berufsleben ist ganz anders hier als in Deutschland. Das fängt schon beim Duzen an. Egal, wie lange man in Deutschland miteinander gearbeitet hat, siezte man sich doch meist und es herrschte eine gewisse Distanz und Reserviertheit. Das ging so weit, dass sich Kollegen mit dem Vornamen ansprachen, aber trotzdem siezen. Ich musste mich an die oberflächliche Freundlichkeit, den 'smalltalk' und das Ansprechen beim Vornamen erst gewöhnen. Die erste Zeit galt ich als reserviert, da ich mich selten am small talk beteiligte. Eine zweite Sache, die mir sehr fremd war, sind die Kündigungsfristen in den USA. Anfangs erschreckte mich die Tatsache, dass ich meine Arbeit innerhalb kürzester Zeit verlieren könnte, doch mittlerweile begrüße ich die Tatsache, dass auch ich meinen Arbeitgeber innerhalb von zwei Wochen wechseln kann.

5. Wie kamst Du zu Deinem "Zweit-Job" als Deutschlehrerin?

Seit der Geburt meines Sohnes sprach ich nur deutsch mit ihm. Schließlich sollte er zweisprachig aufwachsen und in der Lage sein, sich auch mit seinen Großeltern in Deutschland unterhalten zu können. Nachdem er in die Schule kam, rutschte die deutsche Kommunikation immer mehr in den Hintergrund. Es war ganz einfach leichter die Hausaufgaben mit ihm auf Englisch zu machen. Die Schule, seine Freunde, sein Umfeld waren Englisch. Ich selbst sprach ebenfalls hauptsächlich Englisch auf meiner Arbeit. Mein deutscher Wortschatz schrumpfte. Nach der Schule wurden im Nachmittagsprogramm unter anderem auch Deutschklassen angeboten. Da kam mir der Gedanke, mich bei ACE/FCPS als Deutschlehrerin zu bewerben. Ich fing damals mit einer Abendklasse für Erwachsene an und inzwischen unterrichte ich meist an vier Abenden.

6. Wann hattest Du das Gefühl, wirklich angekommen zu sein und die Amerikaner zu verstehen?

Ich glaube, ich bin immer noch auf dem Weg... Nach all den Jahren habe ich meinen deutschen Akzent nicht verloren und er wird für immer ein Teil von mir bleiben. Immer noch kommen die klassischen Fragen: Woher kommst du? Machst du hier Urlaub? Wie lange lebst du schon in den USA? Ich beantworte sie mittlerweile wie ein Profi, kurz und bündig, jedoch freundlich und mit einem Lächeln. Wie gesagt: Die Amerikaner lieben ihren 'small talk'. Oft ist diese Freundlichkeit jedoch sehr erfrischend und eine nette Abwechslung zu einem wortkargen Deutschen.

7. Hast Du Dich durch das Auswandern und das Leben in Amerika verändert und wenn ja, wie?

Ich fühle mich wohl in Virginia, denn diese Gegend bietet ein internationales kulturelles Programm für jeden Geschmack an. Da ich wusste, dass ich hier bleiben werde, habe ich mich angepasst. Jedoch ist mein europäischer Hintergrund nie ganz verschwunden. Mein berufliches Umfeld und mein internationaler Freundeskreis haben gelernt, mit meiner direkten Art und meinem (deutschen) Humor umzugehen.

8. Vermisst Du Deutschland noch manchmal und wenn ja, was genau?

Dank der Technologie bin ich mit vielen Freundinnen in Deutschland immer noch in Kontakt. Ich wünschte, ich könnte sie öfters sehen, vor allem meine Mutter. Ich vermisse Deutschland besonders zur Weihnachtszeit. Kein anderes Land hat so schöne Weihnachtsmärkte, wärmenden Glühwein, leckeres Schmalzbrot und diese wunderbaren Gerüche in der Luft.

Ich vermisse auch, dass ich nicht mal eben zum Bäcker, zum REWE oder zur Post laufen kann. Manchmal denke ich, viele Deutsche wissen gar nicht, wie gut sie es haben - gerade auch, was die gesetzlichen Feiertage und den Urlaubsanspruch angeht.

9. Was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Weiterhin Material für meine Deutschklassen zu sammeln, um den Unterricht interessant zu gestalten und den Alltag in Deutschland in meiner Klasse widerzuspiegeln. Meine Studenten und ich hatten zum Beispiel im November 2019 die Freude, den bekannten deutschen Kabarettisten Vince Ebert in meiner Deutschklasse zu begrüßen. Der Besuch war ein großer Erfolg und einige sprechen heute noch davon.



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