Leben in den USA

Lebenslinien

October 10, 2018
Gabi Hegan

Lebenslinien: Ulrike Sitter | Ulli's Oil Mill


Was bringt Deutsche, Österreicher und Schweizer nach Amerika? Welche wertvollen Erfahrungen haben sie in den USA gemacht und wie hat sie die Zeit im Ausland geprägt? In unserer Interview-Reihe stellen wir deutschsprachige Expats und Auswanderer vor und befragen sie zu ihrem Leben in Amerika, zu ihren Wünschen, Träumen und Sorgen.

In dieser Folge sprechen wir mit Ulrike Sitter aus Salzburg, die mit ihrem Mann und 2 Kindern in New York wohnt. Dort hat sie vor Kurzem Ulli's Oil Mill gegründet und produziert nun "mit der kleinsten Stempelpresse" der Welt ihre gehaltvollen kaltgepressten Öle. Über ihr Unternehmen und ihren persönlichen Werdegang erzählt sie hier.

Liebe Ulli, stell dich doch erst einmal in ein paar knappen Sätzen vor!

Ich komme aus Österreich, von der bayrischen Grenze um Salzburg, und habe Innovations-, Gründungsmanagement und Finanzierung studiert. Schon während des Studiums wollte ich immer meine eigene Firma haben. Irgendwie bin ich aber durch ein Praktikum in Singapur mehr in den Finanzbereich geraten. Ich wollte immer etwas machen, was für mich Sinn macht. Im stark männerdominierten Finanzbereich fand ich das überhaupt nicht.

Ich habe meinen Mann (New Yorker) vor 12 Jahren in London kennengelernt. Wir haben zwei Töchter, 7 und 5 Jahre alt.

Wie lange lebst du schon in den USA und wo genau wohnst du?

Wir sind kurz vor der Geburt unserer ersten Tochter von London nach NYC umgezogen. Inzwischen sind es 7 Jahre, seit wir in den USA wohnen und ich finde, dass NYC sehr viel mit einer Kleinstadt in Österreich gemeinsam hat. Vom Einkaufen in der Madison Park-Nachbarschaft (Eataly, Union Square Farmers Market) bis zum „Freunde auf der Strasse treffen“. Alles geht zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Was machst Du? In welchem Bereich bist Du tätig?

Ganz nach Hippokrates, bin ich überzeugt, dass unsere Nahrung auch unsere Medizin sein soll. Anstatt Nahrungsergänzungsmittel (womöglich mit Schwermetallen) ist es doch sinnvoller, lokale, frische hochwertige Nahrungsmittel zu essen.

Ich versuche, die New Yorker Landwirtschaft und kulinarische Szene mit meinen Ölen und Ölsaaten zu bereichern. Ich arbeite eng mit meinen Bio-Bauern (Hanf-Öl und Hanf-Proteinfiber) und der Cornell-Universität zusammen. Von der Saatgutbeschaffung bis zur Anbauweise, bspw. Leindotter im Mischanbau, bis zur Trocknung bin ich involviert.

Bitte erzähle uns, wie Du Deine Öle und Proteine herstellst

In Long Island City, Queens presse ich mit der kleinsten Stempelpresse der Welt und mit schonenden 25 Grad Celsius die lokal angebauten Bio-Ölsaaten, sodass alle Vitamine und Fettsäuren erhalten bleiben. Im Moment habe ich Leindotter-Öl, Raps-Öl, Sonnenblumen-Chili-Öl, Hanf-Öl und steirisches Kürbiskern-Öl. Die Kerne des letzteren importiere ich zur Zeit noch. Da muss ich aber noch ein bisschen wachsen, bis ich mir die Kürbis-Erntemaschine leisten kann, um sie hier vor Ort anzubauen.

Den Presskuchen, der nach dem Pressen übrigbleibt, mahle ich mit der Steinmühle zu hochwertigen Proteinmehlen. Hanf hat zusätzlich zum Protein noch viel Fasergehalt. Das ist bestens für unsere Verdauung. Nichts wird weggeschmissen. Es ist ein Kreislauf. Es ist auch interessant, zu sehen, dass Ölsaaten genau wie Weine ein „Terroir“ haben und verschieden schmecken können.

Wie bist Du auf die Ölmühle, den Anbau und die Herstellung von Spezialitäten-Ölen und Proteinen überhaupt gekommen?

Wie gesagt gingen mir die Öle, mit denen ich aufwuchs ab. Importiert, wenn man die Öle überhaupt findet, sind sie manchmal über dem Ablaufdatum. Das Supermarkt-Öl ist oft chemisch extrahiert, gebleicht, raffiniert, deodorisiert, gefiltert für maximale Haltbarkeit. Wenn man Glück hat, findet man schraubengepresstes Öl (expeller pressed). Dieses Verfahren erzeugt aber immer auch Reibungshitze, die wiederum wertvolle Inhaltsstoffe zerstört.

Wie verwendet man deine Öle/Proteinmehle am besten?

Man kann sie sehr vielfältig beim Kochen verwenden: Bei Salat, Nudeln, Risotto, Fisch, Gegrilltes, als Butter-Ersatz (Raps-Öl), gegartes Gemüse, und vieles mehr. In Eierspeis, über Salat oder Vanille-Eiscreme (Kürbiskern-Öl). Das einzige, was man nicht machen sollte, ist starkes Erhitzen. Unsere Öle sind mehr “finishing oils”.

Unsere Proteinmehle sowie Hanf-Öl verwende ich täglich in meinem Morgen-Müsli, als Substitut beim Backen, wie bspw. bei Waffeln, in Smoothies, oder beim Überbacken (Kürbiskern-Mehl). Das Sonnenblumen-Chili-Mehl ist exzellent zum Würzen und Saucenbinden.

Was liebst du besonders an deiner neuen Heimat?

Ich finde die Leute aufgeschlossen, unternehmerisch, freundlich und positiv! „Good for you“ höre ich oft, anstatt dem Misstrauen, wenn oder warum jemand mehr hat als andere. Die National Parks und die Vielfalt der Landschaften finde ich toll. Ich komme gerade vom Klettern in Joshua Trees, Kalifornien.

Und was vermisst du besonders an Österreich?

Ich vermisse die schnelle Erreichbarkeit von Natur und, dass man in kurzer Zeit in so vielen verschiedenen Landschaften—Wein/Wachau, Bergsteigen, Schwimmen im Trinkwassersee, in Italien am Meer—sein kann. Oder das Wandern von Hütte zu Hütte in den Alpen, das vermisse ich auch.

Sozial und kulturell vermisse ich auch einiges: Eine gleiche Gesellschaft. Ein geringerer Unterschied zwischen Arm und Reich. Besseres Essen zu erschwinglichem Preis. Das Theater, die Konzerte, alles zu einem erschwinglichen Preis. Vielleicht auch, dass man in Österreich mehr Zeit hat zu leben. Der Arbeitsalltag ist weniger aufreibend als hier in den USA.

Hattest du schon vor dem Auslandsumzug dein eigenes Business oder hast du dich erst hier für die Selbstständigkeit entschieden? Wenn ja: warum?

Für mich war der Weg in die Selbstständigkeit die einzige sinnvolle Wahl. Anfangs dachte ich, ich würde helfen, ein österreichisches Weinportfolio aufzubauen. Schnell merkte ich, dass die Preise unserer exzellenten österreichischen Weine nicht mit den Zielverkaufspreisen des Weinimporteurs zu vereinbaren waren.

Regelmäßig war ich am Union Square und vermisste die kaltgepressten, lokalen Öle, wie Leindotter, Raps, Gewürz-Öle auf Sonnenblumenbasis, Hanf-Öl, natürlich auch das Kürbiskern-Öl. Mein nächster Gedanke war also: Was könnte ich importieren?

Hast du das Gefühl, dass es in Amerika leichter ist, sich selbstständig zu machen, beziehungsweise selbstständig zu sein?

Ja und Nein. Alles sprach erst dagegen, in NYC zu produzieren. Ich brauchte sehr lange, um einen Platz für meine erste schwere Stempelpresse zu bekommen. Food-Inkubatoren haben typischerweise Bäcker, zum Kekse- und Brot-Backen, oder Saucen- Hersteller und Caterer. Jedoch hatte niemand eine Spezialmaschine, die eine 3-Phasen-Starkstrom-Leitung benötigt.

Wie sieht ein typischer Montagmorgen bei dir aus?

Erst bringe ich unsere Kinder, 7 und 5 Jahre alt, zum Schulbus bzw. in die Schule . Dann freue ich mich auf die neue Arbeitswoche und dass ich nach einem langen Familienwochenende wieder Zeit für meine Ölmühle habe.

Hast du etwas Spezielles durch das Auswandern und das Leben in Amerika über dich gelernt?

Ich bin anpassungsfähig und kann mich sehr schnell im Ausland eingewöhnen. Ich lerne zudem schnell Freunde kennen.

Und was machst du, wenn du Heimweh hast?

Ich spreche mit meinen Töchtern zu Hause Deutsch. Wir haben hier ein kleines Österreich für uns geschaffen. Die deutschen Schulen, Pusteblumen und schöne Aktivitäten wie der Martinsumzug machen es leichter, beide Kulturen—die österreichische/deutsche mit der amerikanischen—zu verbinden. Wir feiern prinzipiell alle Anlässe: Thanksgiving, Nikolaus, das Christkind, Santa Claus, und so weiter.

Wir hatten immer deutschsprachige Familien in unserem Freundeskreis. Das macht es natürlich auch viel leichter. Außerdem verbringen wir unsere Sommer in Österreich. Meine Eltern sind sehr engagiert und kommen zweimal im Jahr für längere Zeit auf Besuch. Zusätzlich haben unsere Mädchen gleichaltrige österreichische Cousins und Cousinen.

Welche drei Dinge lässt du dir von deinem Besuch aus Deutschland mitbringen?

(Kinder-)Bücher und -CDs, Mannerschnitten und andere österreichische Spezialitäten, wie bspw. Marillenmarmelade, Wein und Brot.

18) Und welche drei Dinge würdest du mitnehmen, wenn du morgen wieder zurück in deine alte Heimat ziehen würdest?

Den positiven Enthusiasmus, das Meer und die vielen lieben Menschen, die wir kennenlernen durften.

Hier kannst Du mehr über Ulli's Oil Mill erfahren und die Produkte kaufen.

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